Balfanz aus Hinterpommern
200 Jahre Bildungsb├╝rger im Staatsdienst
 
 
Stamm Theodor (1834 - 1892)

Theodor Balfanz (1834-1892)

 

Namenswahl

1834 wird das erste Kind, ein Sohn, des Lehrer Johann Balfanz geboren und bekommt die Vornamen Cyrenius Friedrich Theodor. Mit Friedrich zeigt sich der Vater als guter preußischer Untertan, denn bis zu Kaiser Wilhelm I. hießen alle preußischen Könige Friedrich (oder Friedrich Wilhelm). Theodor (Geschenk Gottes) zeigt den Vater als gläubigen und demütigen Christen. Aber warum Cyrenius?

Cyrenius als Vorname ist mehr als ungewöhnlich. Er kommt fast nicht vor. Cyrenius  ist die Namensform des römischen Statthalters Publicus Sulpicius Quirinus in den Originalfassungen der Vulgata und der Lutherbibel (Lukas 2,2), entstanden durch Transkription ins griechische Alphabet und Rücktranskription ins lateinische. Quirinius war laut Lukas 2,2 zur Geburt Jesu Christi der römische Stadthalter in Syrien. Damit war er ein Vorgänger von Pontius Pilatus, dem zweiten, viel bekannteren römischen Stadthalter, den das Neue Testament nennt.

Es gibt drei frühchristliche Märtyrer und Heilige der (kath.) Kirche: Quirinius von Neuss, Quirinius vom Tegernsee und Quirinius von Siscia, deren Legenden große Ähnlichkeit aufweisen, so dass sie sich möglichweise auf dieselbe historische Person beziehen könnten. In Tegernsee sind die Reliquien des Quirinius in einer eigens errichten Kirche aufbewahrt, was Tegernsee zu einem Wallfahrtsort machte. Deshalb kam dort Cyrenius als Vorname schon mal vor. Eine noch größere Verehrung von Quirinius gab es in Neuss, was die Stadt zu einem der bedeuteten Wallfahrtsorte im mittelalterlichen Rheinland machte. Quirinius von Neuss war einer der vier Marschälle Gottes, die im Rheinland als Schutzheilige bei unerklärlichen Seuchen und Krankheiten verehrt werden. Er war weiterhin Patron der Pferde und Rinder.

War Johann Balfanz diese Tradition bekannt? Und es war eine Tradition der katholischen Kirche. Die Protestanten kannten keine Heiligen. Wahrscheinlicher ist, dass der Vater seinen Sohn nicht nach dem Heiligen Quirinius sondern direkt nach dem Cyrenius im Neuen Testament genannt hat. Aber warum sollte er seinem Sohn den Namen eines römischen Statthalters in Syrien geben?
Hier gibt der österreichische Mystiker Jakob Lorber (1800-1864) eine Antwort. Lorber charakterisiert Cyerenius als frühen und heimlichen Anhänger des Christums, "den das Jesuskind zu einem Vorläufer im Reich der Heiden gemacht hat, damit der, den der Herr einst zu den Heiden senden wird (Paulus) leichter Aufnahme fände." Allerdings fing Lorber erst mit 40 Jahren an zu schreiben (dann allerdings manisch), so dass Johann Balfanz seine Schriften wohl nicht gekannt hat. Aber Lorber dürfte die Vorstellung von Cyrenius als heimlichen Anhänger des Christums und ersten christlichen Römer nicht erfunden haben. Sehr wahrscheinlich gab es diese Vorstellung schon vorher und vermutlich inspirierte sie Johann Balfanz zur Namenswahl seines Sohnes.

 

Taufpaten

Die Taufpaten von Theodor Balfanz waren: Friederike Wilm geb. Gerver, Johann Eyser, Wilhelm Spormann. Da die Taufpaten Auskunft geben über verwandtschaftliche Beziehungen und das gesellschaftliche Umfeld der Eltern lohnt sich eine Analyse.

Friederike Wilm geb. Gerver war die Ehefrau von Carl Gottlieb Wilm (* 01.09.1789 + 01.11.1845 in Bärwalde), Gastwirt in Bärwalde. Johann Eyser war vermutlich ein Sohn des um 1834 in Bärwalde verstorbenen Steueraufsehers Johann Christoph Eyser, der diese Stelle als invalider Unteroffizier 1815 erhalten hatte. Friedrich Wilhelm Spormann (1835 Heirat in Gramenz mit Ulrike Wiese), zweiter Sohn des Schulzen zu Groß Reetz Heinrich Spormann, war der Cantor in Gramenz.

Häufig sind die Großeltern Taufpaten bei den ersten Enkelkindern, sie waren aber schon verstorben. Es fällt auf, dass unter den Paten kein einziger Verwandter ist. Diese Tatsache und die sehr ungewöhnliche Vornamenswahl Cyrenius zeugen vom Selbstbewusstsein des angehenden Lehrers Johann Balfanz, der zu diesem Zeitpunkt die Lehrerstelle in Storckow nur interimsweise verwaltete, nachdem sein Vorgänger Daniel Lorenz Kleist am 22. Juli 1832 verstorben war. Endgültig angestellt wurde er am 22. Sept. 1836.

 

Schule

Theodor, so der Rufname, Balfanz war dazu ausgesucht das Gymnasium zu besuchen, was für den Vater als Dorfschullehrer ein enormer finanzieller Kraftakt war. Zu der Zeit lebte ein Dorfschullehrer in Preußen hauptsächlich von dem Schulgeld, was die Eltern der Kinder bezahlen mussten, 1 Taler von jedem Schüler pro Jahr. Außerdem wurden ihm häufig die Wohnung und etwas Land zur Bewirtschaftung gestellt, manchmal erhielt er auch noch ein Holzdeputat. Das Schulgeld in den weiterführenden Schulen, auf die Johann Balfanz seinen Sohn nun schickte, war um ein vielfaches höher. Außerdem musste er seinem Sohn vermutlich eine Bleibe in Neustettin bezahlen, denn rund 20 km einfache Strecke Schulweg kann man nicht jeden Tag laufen. So wurde Theodor am 7. Oktober 1848 in die IV. Klasse des Königlichen Fürstin-Hedwig-Gymnasium in Neustettin aufgenommen. Ostern 1855 machte er dort sein Abitur zusammen mit Gustav Neheim (1873-1899 Pastor in Arnau bei Königsberg), Wilhelm Jahnke (Oberprediger in Friedland in der Niederlausitz), Ludwig Alexander Witte (Pastor in Erin, Synode Schubin), Heinrich Roock (praktischer Arzt in Belgard), Otto von Rabenau (+ 1890 als Oberstleutnant z.D.) und Rudolf Busse (ebenfalls beim Militär). Von den 12 Schülern, die 1855 am Hedwigsgymnasium Abitur machten, wurden 4 Pfarrer, 3 gingen zum Militär, 2 wurden Arzt, 2 wurden Lehrer, einer Jurist.

 

Studium

Direkt nach dem Abitur nahm Balfanz zum Wintersemmester 1855/56 das Studium der Theologie an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin auf und beendete es nach fünf Semestern mit Abschluss des Wintersemesters 1857/58. 1. Dekan der  theologischen Fakultät war August Twesten (1789-1875), der 1830 als Nachfolger von Schleiermacher nach Berlin gekommen war. Der vielleicht zu der Zeit bedeutendste Professor an der theologischen Fakultät war Karl Immanuel Nitzsch (1787-1868), der als "Altmeister" der praktisch-theologischen Wissenschaft gilt. Wie auch Twesten war Nitzsch politisch und gesellschaftlich engagiert. Sie waren keine Gelehrte im Elfenbeinturm.

 

Predigerseminar Wittenberg

Balfanz besuchte das Predigerseminar in Wittenberg. 1. Direktor des Predigerseminars war damals Heinrich Eduard Schmieder (1794-1893), auch er ein praktischer Theologe, der keine wissenschaftlichen Arbeiten veröffentlicht hat.

Balfanz Kommilitonen waren Göbel, Kletschke, Gaupp, Paul Struve (Missionar in Indien), Rudolf Baxmann (1832-1869, Pfarrer in Bonn), Oswald, Frauenstein, Mattke, Haacke, Schwan, Weber, Jordan (in Münster), Eilsberger, Steinwender, Johann Pippirs (Pfarrer in Memel), Koch, Thiele (in Nordamerika, u.a. Milwaukee), Dumstrey (1864 Pastor zu Dobberphul, Synode Kamin), Nöldechen, Philipp Lindner, August Giebe (Pfarrer in Gr. Neudorf und als Pastor seit 1867 Direktor am Königl. ev. Schullehrer-Seminar in Bromberg) und Hermann Billroth (1834-1865). Billroth war ein Bruder des berühmten (Bauch-)Chirugen Theodor Billroth. Er wurde Missionar in Brasilien (Rio de Janeiro) und starb schon früh. Aus seinen posthum herausgegeben Erinnerungen stammt diese Liste seiner Mitseminaristen. Auch über einige Bräuche im Predigerseminar berichtet Billroth. So pflegten die Seminaristen das neue Jahr zu begrüßen, indem sie in der Sylvesternacht um 24.00 Uhr gemeinsam das alte Lutherlied "Eine feste Burg ist unser Gott" sangen. 

 

Letzte Prüfung und erste Anstellungen

Im September 1861 besteht Theodor Balfanz vor dem vor dem königlichen Konsistorium der Provinz Pommern die Predigerprüfung zusammen mit 2, Anton Friedrich Giese, 3, Karl Wilhelm Herrmann, 4, Johannes Siegmund Jaspis, 5, Franz Hermann Theodor Lüdecke, 6, Carl Julius Moldenhauer, 7, Albert Ferdinand Otto, 8, Theodor Chriestlieb Pupke, 9, Albert Sellentin, 10, Ernst Wilhelm Schirlitz, 11, Wilhelm Hellmuth Albert Zander. Alle sind nach bestandener Prüfung pro ministerio für wahlfähig zum evangelischen Predigtamte erklärt worden.

Am 25. September 1861 wird Balfanz zum stellvertretenden Militärprediger in Stettin ordiniert. Am 1. Juli 1862 tritt er als Hilfsprediger interimsweise die vacate Stelle des Garnisonpredigers in Stralsund an und wird in gleicher Eigenschaft am 1. Mai 1863 nach Stolp (Altstadt) versetzt.

 

Pfarrer in Sageritz (1865-1886)

Am 7. April 1865 wird Theodor Balfanz zum Pastor adj.[unctus] in Sageritz, Synode Altstadt Stolp, ernannt und in sein Amt eingeführt. Adjunctus bedeutet, dass er seinem noch lebenden Vorgänger Gottlieb Carl Eduard Hill (+ 25. Sept. 1865) als Hilfe beigeordnet wurde mit dem Recht auf dessen Nachfolge im Amt. Vermutlich im selben Jahr heiratet Balfanz, sein erstes Kind wird 1866 in Sageritz geboren, dem folgen noch fünf weitere Kinder. Über seine Zeit in Sageritz gibt es kaum Nachrichten. 1872 unterzeichnet er den sog. Kamminer Protest, was aber fast alle Pfarrer Hinterpommerns machen.

1885 gibt es einen Bruch im Leben von Pastor Balfanz. Im Laufe des Jahres entschließt er sich die Pfarrstelle zu wechseln. Er will weg aus Sageritz. Nach Ostern 1885 nimmt er seine drei ältesten Söhne, die bis dahin das Progymnasium in Lauenburg besucht haben von der Schule. Vor allem für den ältesten Sohn Johannes war das bitter, da er schon die Obersekunda abgeschlossen und nur noch 2 Jahre bis zum Abitur gebraucht hätte. Balfanz scheint zu mindestens die ältesten beiden Söhne nicht wieder eingeschult zu haben. Übrigens, zeitgleich drei Söhne auf ein entferntes Gymnasium zu schicken wird auch für einen Landpfarrer finanziell nicht einfach gewesen sein. Dass Theodor Balfanz Ehefrau, Marie von Zeromska aus einer begüterten Familie stammte, war sicherlich hilfreich.

 

Pfarrer in Schwanenbeck (1886-1892)

Am 9. Mai 1886 wird Theodor Balfanz als Pastor in Schwanenbeck eingeführt. Vom 20. Juli 1889 bis zum 4. Sept. 1889 ist Balfanz zur Kur in Bad Ems, Hotel Rebenstock. Ein Jahr vor seinem Tod tritt er dem Deutschen Evangelischen Schulverein in Stettin bei. Theodor Balfanz stirbt am 12. März 1892 in Schwanenbeck.